Zentrale Werthaltungen für die therapeutische Arbeit

Solidarität mit Patienten

Psychotherapeuten sind dazu aufgefordert, sich auf die Seite ihrer Patienten zu stellen, sich mit ihnen zu solidarisieren, Partei zu ergreifen. Das ist nicht zu verstehen als eine affirmative Akzeptanz alles dessen, was Patienten in der Therapie vortragen, sondern als eine Grundhaltung, die Solidarität auch im Konflikt, im Widerspruch, im Ringen um Lösungen beinhaltet. …

Sensibilität für und Widerstand gegen Ungerechtigkeit

Patienten erfahren oft vielfältige Ungerechtigkeiten, sie werden missachtet, ihre Möglichkeiten werden beschnitten, ihre Anliegen überhört, sie erleben Ausgrenzung. Psychotherapeutisches Arbeiten sollte an der Seite des Patienten stattfinden, Kränkungen und mangelnde Wertschätzung müssen mitfühlend behandelt werden. Unrecht und Ungerechtigkeiten sollten mutig benannt werden.

Achtung gegenüber Andersartigkeit

Die Vielfalt menschlicher Lebensweisen zu fördern ist zentrales Thema der Therapiearbeit. Gleichzeitig läuft das therapeutische Handeln immer wieder Gefahr, einer Normierung von Lebensentwürfen zu erliegen, die „fully functioning person“, wie Rogers sie nannte, zum mehr oder weniger impliziten Leitfaden des therapeutischen Prozesses zu machen. Auch die Klassifikation psychischer Störungen birgt die Gefahr einer Normierung, weil sie definiert, was als eine „Störung“ definiert wird und was nicht. Umso bedeutsamer ist es, Andersartigkeit zu akzeptieren, vielleicht sogar zu fördern.

Großherzigkeit und Empathie

Vielleicht ist das die wichtigste Haltung: Menschenliebe und Freude an der Arbeit mit Patienten, Toleranz, Humor, Offenheit, Interesse am Kennenlernen und Verstehen des Patienten sowie Wertschätzung.

Akzeptanz von Grenzen

Engagement für Änderungsmöglichkeiten bei gleichzeitiger Akzeptanz von Grenzen der Veränderung – sowohl aufseiten Patienten als auch bezüglich der eigenen therapeutischen Kompetenz. …

Selbstfürsorge

Die sorgfältige Bewahrung der eigenen Arbeitsfähigkeit ist für das psychotherapeutische Handeln zentral. Wer anderen helfen will, muss die eigenen Kräfte gut einschätzen können, in der Lage sein, sich selbst kritisch zu reflektieren und Phasen der Ruhe und des Nachdenkens einplanen. …


Prof. Dr. phil. Annette Kämmerer,
Dr. phil. Sabine Rehahn-Sommer
In: Deutsches Ärzteblatt | PP | Heft 1 | Januar 2024, Seite 24-25